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Die Gesetzlose Gesellschaft zu Berlin Gegründet in Berlin am 4. November 1809 |
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Meibom, Hans v. (?-1960) |
(470) |
5300 Bonn 1, den 22. Oktober 1979
Herrn
Staatssekretär a. D. v. d. Groeben
Niemeyerweg 3
2305 Kitzeberg
Sehr geehrter Herr v. d. Groeben,
als Anlage übersende ich Ihnen einen Auszug aus unserer Familiengeschichte über meinen Vater, den weitgehend selbst verfaßt hat. Beim Lesen dieses Auszuges muß man berücksichtigen, daß die Abfassung während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte. Sie ist also in allen Fragen, die diese Zeit betreffen, außerordentlich vorsichtig. Ich möchte sie deshalb aus eigenem Erleben etwas ergänzen.
Die letzten Jahre seiner Tätigkeit als Landrat des Kreises Meseritz, etwa seit 1927, waren zunehmend geprägt durch seine sich immer mehr verstärkenden Kontroversen mit dem Kreisleiter der NSDAP, einem Getreidehändler Merker, der zum Freundeskreis des späteren Gauleiters von Brandenburg Cube gehörte. Herr Merker war bereits, bevor er sich der NSDAP anschloß, in unserer Gegend als ''übler Schieber'' bekannt. Er geriet auch mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Bereits aus dieser Zeit stammte ein Gegensatz zwischen ihm und meinem Vater, so daß er die Tätigkeit meines Vaters mit zunehmender Bedeutung des Nationalsozialismus mit einer aus persönlichem Haß und politischer Gegnerschaft gemischten Aversion verfolgte.
Der Übergang meines Vaters von seiner Tätigkeit als Landrat zu dem Amt des Oberpräsidenten war nicht so abrupt, wie er sie darstellt. Sein Vorgänger, Herr v. Bülow, mit dem er befreundet war, war eine Persönlichkeit mit starken kulturellen Interessen - wirtschaftliche und finanzielle Fragen lagen ihm weniger. Es hatte sich deshalb zwischen ihm und meinem Vater schon seit langen Jahren ein Beratungsverhältnis entwickelt, das zum Teil soweit ging, daß die Beamten des Oberpräsidiums in finanziellen und wirtschaftlichen Fragen den Rat meines Vaters einholten, bevor sie die Angelegenheit beim Oberpräsidenten zum Vortrag brachten. Herr v. Bülow selbst legte stärksten Wert darauf, daß mein Vater sein Nachfolger wurde und ging deshalb auch etwas vorzeitig in Pension. Bereits seit November 1932 ließ er sich beurlauben und durch meinen Vater in Schneidemühl vertreten.
Die Ernennung meines Vaters zum Oberpräsidenten der Grenzmark Posen-Westpreußen führte zu zwei politischen Reaktionen. Einmal kam es zu einer Anfrage der polnischen Regierung in Berlin, ob die Ernennung meines Vaters als unfreundlicher Akt gegenüber Polen anzusehen sei. Ich erinnere, daß bei einem Festakt in der Nähe der Grenze im Frühjahr 1933, bei dem mein Vater sprach, demonstrativ auf polnischer Seite eine Maschinengewehrkompanie in Stellung ging. Zum anderen wurde mit der Ernennung meines Vaters der Wunsch von Gau-Leiter Cube durchkreuzt, den Mittelteil der Grenzmark Westpreußen Brandenburg zuschlagen zu können. Daraus entstand nun auch ein unmittelbarer Gegensatz zwischen meinem Vater und dem Gau-Leiter Cube, zu dessen Gau-Gebiet der mittlere Teil der Provinz Posen-Westpreußen gehörte. Dies dokumentierte sich darin, daß Herr Merker im Kreise Meseritz eine Art Gegenrevolution gegen meinen Vater entfachte, die zur Verhaftung des Grafen Dohna und zur Aberkennung des Ehrenbürgerrechts der Stadt Meseritz, das ihm im November 1932 verliehen war, und zur Umbenennung einer Straße in Neubentschen, die nach meinem Vater benannt worden war, führte. Neubentschen war eine Siedlung im Kreis Meseritz, die von meinem Vater gegründet worden war, um den Beamten und Arbeitern und deren Angehörigen des neuen Grenzbahnhofs Neubentschen Unterkunft zu schaffen.
Die Gegensätze zwischen meinem Vater und der nationalsozialistischen Revolution spitzte sich so zu, daß im Mal bereits deutlich wurde, daß seine Tätigkeit dem Ende entgegenging. Mein Vater war ein sehr liebenswürdiger, gewandter, aber in der Sache harter Mann, der versuchte, in dieser turbulenten Zeit zu retten, was zu retten war. Es zeigte sich aber mehr und mehr, daß der Nationalsozialismus mit einem Absolutheitsanspruch angetreten war, der Kompromisse, wie sie die Zelt nach 1918 bis zu einem gewissen Grade ermöglicht hatte, ausschloß. Als dann Hugenberg zwei Stunden vor der Ernennung meines Vaters zum Staatssekretär für die Hugenbergischen Ministerien zurücktrat, sah mein Vater die Stunde gekommen, zu gehen.
Während der Zeit des Nationalsozialismus hat sich mein Vater in gar keiner Weise betätigt. Es war für sein Naturell sicher eine der schwersten Zeiten seines Lebens. Eine Genugtuung für ihn war, daß der Oberkreissekretär und der Sparkassendirektor des Kreises Meseritz bis 1944 jedes Jahr heimlich zu ihm kamen, um mit ihm den Etat für den Landkreis Meseritz zu besprechen. Im Grunde war er weiter für diesen Kreis "unser Landrat". Wenn heute noch nach über 45 Jahren die ehemaligen Meseritzer, die wie Pech und Schwefel zusammenhängen, mir in ihrem ,,Heimatkreis Meseritz e.V.", ohne daß ich ein Amt in diesem Verein hätte, ein besonderes und vielleicht maßgebliches Mitspracherecht einräumen, so beruht das meines Erachtens ausschließlich auf dem Ansehen, das mein Vater in der gesamten Bevölkerung genoß.
Wieweit mein Vater zum Kreis des 20. Juli gehört hat, übersehe ich nicht ganz. Er hat darüber niemals gesprochen. Ich nehme aber an, daß seine Verbindung relativ eng gewesen ist, denn etwas vor dem 20. Juli 1944 traf ich meinen Vater in einem Berliner Club, dem auch ich als ''Jungmitglied`` angehörte, in einem Kreis von Herren, von denen später drei oder vier Opfer des 20. Juli wurden. Ich war damals Hilfsoffizier beim Kommandanten von Berlin, General v. Haase, und erinnere mich, daß mein Vater nicht sehr begeistert von meinem Auftauchen war. Von dritter Seite habe ich später gehört, daß mein Vater als Staatssekretär für das Reichsinnenministerium vorgesehen gewesen sei. Offenbar hat man in eingeweihten Kreisen die Gefährdung meines Vaters aber für so groß gehalten, daß man mich nach vorübergehenden Aufenthalt in der Prinz-Albrecht-Straße in einer Art Nacht- und Nebelaktion nach Budapest zur Deutschen Industriekommission Ungarn versetzte. Man befürchtete, daß die für meinen Vater vorgesehene Position doch noch der SS bekannt werden würde und daß ich dann in diesen Strudel aufgrund meiner Verwendung bei der Kommandantur Berlin hineingezogen werden würde.
Nach dem Kriege übernahm mein Vater
Meine Eltern lebten ab 1933 in Berlin, zunächst in der Bayerischen Straße, dann in Halensee und später in Nikolassee in der Gerkrathstr. 7. Dort starb mein Vater am 18. 11. 1960. Wenn er uns in den fünfziger Jahren in Bonn besuchte, verschwand er regelmäßig für mehrere Stunden im Bundeskanzleramt, wo er sich mit Bundeskanzler Dr. Adenauer traf. Über diese Begegnungen hat er nie ein Wort verloren. An seinem Sarg lag ein persönlicher Kranz des Bundeskanzlers. Die Trauerfeier für ihn wurde zu einer Demonstration des alten preußischen Beamtentuns. Obwohl sich meine Mutter Reden während der Trauerfeier verbeten hatte, erhoben sich nach den Worten des Geistlichen in der kleinen Kirche in Nikolassee nacheinander fünf sehr angesehene Persönlichkeiten des preußischen Beamtentums und sprachen nacheinander einige offenbar aufeinander abgestimmte Sätze über die Persönlichkeit und Leistungen meines Vaters. Es war wie eine Demonstration des alten preußischen Beamtentums. Leider habe ich dieser Dankworte nicht habhaft werden können.
Soweit ein ergänzender Bericht, von dem ich nicht weiß, ob Sie etwas
daraus gebrauchen können. Zusätzlich fällt mir noch ein, daß mein
Vater etwa um 1950 auch noch Ehrenkommendator der Johanniter-Ordens
wurde.
Mit freundlichem Gruß
ihr
1914-1933 Landrat des Kreises Meseritz. Eine der bemerkenswerten Gestalten der Geschichte unserer Heimat in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war Hans v. Meibom, der am 1.8.1914, dem Tage des Ausbruchs des 1. Weltkrieges, die Verwaltung des Kreises Meseritz - zunächst als kommissarischer Landrat - übernahm und dieses Amt bis 1933 ausübte. Obwohl er nicht aus dem Osten stammte, war er schon damals, seit 1906, im Osten tätig gewesen und schreibt von sich in der Geschichte seiner Familie, daß ihn schon damals die Probleme des Ostens gefangen genommen hätten. Diese Liebe zu seiner Wahlheimat ist er - trotz aller Enttäuschungen - bis zu seinem Tode am 18.11.1960 treu geblieben. Als er den Kreis Meseritz übernahm, galt dieser als schönster Kreis der Provinz Posen. Seine erste Aufgabe was das Öffnen der Mobilmachungsschränke und damit begann für ihn die immer schwieriger zu meisternde Aufgabe der Kriegswirtschaft, für die damals der Landrat zuständig war. Wegen seiner starken Kurzsichtigkeit militärisch nicht ausgebildet, wurde er, wie alle derartigen Landräte, nicht zum Kriegsdienst eingezogen. Dies war für den Kreis von großer Bedeutung, da auf diese Weise die Verwaltung nicht den gleichen Belastungen unterworfen war wie andere Kreise, in denen ein dauernder Wechsel der verantwortlichen Persönlichkeiten eintrat. Seinen Kreis führte er bis zum Zusammenbruch mit Erfolg durch die schwierige Kriegswirtschaft hindurch und war daneben in einer Anzahl provinzieller kriegswirtschaftlicher Organisationen tätig.
Der unglückliche Kriegsausgang und der polnische Aufstand stellten ihn in die erste Linie der Verteidigung des Kreises. Bei den Kämpfen um den Kreis gelang es ihm zusammen mit tatkräftigen Persönlichkeiten aus dem Kreise, insbesondere dem Grafen Dohna zu Hiller-Gärtringen, mit dem er persönlich befreundet war, den Polenvorstoß im Kreise Meseritz zum Stehen zu bringen und ihnen durch Aufstellung eines örtlichen Grenzschutzes bis zum Eintreffen militärischer Hilfskräfte zum größten Teil zur halten. Nachdem im Versailler Vertrag mehr als 1/3 des Kreises Meseritz den Polen zugesprochen wurde, wurde er in die zur örtlichen Festlegung der Grenze gebildeter internationale Grenzkommission berufen, die ihre Tätigkeit im Jahre 1920 in Paris begann. Bei den Verhandlungen der Grenzkommission gelang es ihm, die Stadt Tirtschtiegel, die im Friedensvertrag zur Hälfte Polen zugesprochen war, Deutschland zu erhalten. Die Stadt dankte ihm hierfür durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechts.
Das nun folgende Jahrzehnt sei ihm in stetigen Kampf mit preußischen Regierungen, die nur ein begrenztes Interesse an der Entwicklung der durch Krieg und Abtretung an Polen schwer angeschlagenen Ostgebiete hatte. Da hierzu seine Stellung als Landrat nicht ausreichte, um wirkliche Erfolge zu erzielen, erklärte er sich bereit, ihm angebotene Positionen anzunehmen, die weit über das normale Amt eines Landrats hinausgehen. Im Jahre 1921 wurde er als Vertreter der in der Bildung begriffenen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen in den neuen Preußischen Staatsrat gewählt und gehörte ihm nach zweimaliger Wiederwahl bis zum Jahre 1933 an. Im Staatsrat war er besonders im Gemeindeausschuss als dessen stellvertretender Vorsitzender und in den letzten Jahren als Vizepräsident des preußischen Staatsrats zusammen mit dessen Präsidenten Konrad Adenauer tätig.
Von 1922 bis 1931 gehörte er dem Provinziallandtag der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen an und wurde 1931 in den Provinzialausschuss entsandt. Seit 1922 war er Vorstandsmitglied des preußischen, seit 1929 auch Vorstandsmitglied des deutschen Landkreistages und jahrelang Vorsitzender des grenzmärkischen Landkreistages.
Seine Hauptaufgabe aber war der Aufbau des durch die Grenzziehung durchschnittenen Kreises Meseritz und die Mitarbeit am Aufbau der neuen Provinz. In dieser Zeit wurden im Kreise Meseritz die weitgehend durch die Grenzziehung zerschnittenen Straßenführungen wieder zu einem organischen System zusammengefügt. Eine Reihe neuer Brücken entstanden, die Obra wurde reguliert und ihr Vorgelände durch große Milliorationen nutzbar gemacht. Es gelang, den neuen Eisenbahnknotenpunkt für den Übergang nach Polen für den Kreis Meseritz, und zwar eingestellt der neuen Siedlung Neu Bentschen, zu gewinnen, Landaufkäufe durch polnische Strohmänner wurden verhindert und das aufgesiegelte Rittergut Großdammer aufgeforstet. Das Sparkassenwesen des Kreises wohl geordnet und erwies sich als wertvolles Finanzierungsinstrument beim Wiederaufbau.
Im Herbst 1932 wurde ihm das Oberpräsidium der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen angetragen. Obgleich es ihm sehr schwer fiel, seinen Kreis, mit dem er fest verwachsen war, zu verlassen, nahm er den Ruf an, zumal die Beförderung vom Landrat zum Oberpräsidenten in der preußischen Verwaltung ganz ungewöhnlich war. Am 15. Januar 1933 ging er zunächst kommissarisch nach Schneidemühl und übernahm am 1. April 1933 das Amt des Oberpräsidenten und gleichzeitig des Regierungspräsidenten der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen.
Damit endete seine unmittelbare Verbindung mit dem Kreise Meseritz. Bereits im Juni 1933 stellte er sein Amt als Oberpräsident zur Verfügung, da die Praktiken des Nationalsozialismus von ihm als alten preußischen Verwaltungsbeamten nicht gutgeheißen werden konnten. Als er Anfang 1933 den Kreis verließ, dem seine Lebensarbeit durch 18 Jahre gegolten hatte und durch die er dieses Gebiet wieder zu einer neuen Blüte geführt hatte, wurde er hoch geehrt. Neben den Ehrenbürgerbriefen von Tirschtiegel und Meseritz wurde in Neu Bentschen eine Straße nach ihm benannt. Ende 1933 waren ihm beide Ehrenbürgerbriefe aberkannt, die Straße wieder umbenannt und über ein halbes Jahr hatte ein sogenannter Korruptionsausschuss die Akten seiner Amtstätigkeit durch 18 Jahre durchgewühlt, ohne das geringste an Unkorrektheiten zu finden.
Er selbst lebte in Berlin während der Zeit des Nationalsozialismus zurückgezogen, aber seine Verbindungen zum Kreis blieben lebendig. Er machte die Bevölkerung seiner Wahlheimat nicht für das Verhalten einer kleinen Gruppe verantwortlich. Bis 1944 hat es keinen Etat des Kreises Meseritz gegeben, den Beamte der Kreisverwaltung, die heimlich zu ihm nach Berlin fuhren, nicht in allen Einzelheiten mit ihnen durchgesprochen hatten. Die alten Freundschaften und Vertrauensverhältnisse blieben ungetrübt. Immer wieder wurde er von seinen alten Beamten um Rat gebeten und hatte ihn ohne jede Bitterkeit gewährt.
Die Trauerfeier zu seinem Tode 1960 in Berlin wurde spontan zu einer Dokumentation alten preußischen Beamtentums. In kurzen nach Inhalt und Form geschliffenen Sätzen, bekundeten spontan alte angesehene Beamte der preußischen Verwaltung, mit denen er in seinen vielseitigen Positionen zusammen gearbeitet hatte, dass hier ein Mann besonderer Art und Qualität zu Grabe getragen wurde. Am Grabe selbst lag ein persönlicher Kranz Konrad Adenauers, mit dem er - oft in erbitterter Gegnerschaft - lange Jahre zusammengearbeitet hatte.